Gleiches Recht für alle? – Arbeiterkinder immer noch Bildungsverlierer

Von Teresa Brinkmann

Deutschlands Bildungsstandard verbessert sich. Zu mindestens machen immer mehr Schüler das Abitur, es gibt immer mehr Studenten und weniger Schulabbrecher. Laut dem „Bericht Bildung in Deutschland 2012“ erlangt fast jeder zweite Jugendliche die (Fach-)Hochschulreife. In einem Jahrgang erreichen 33,9 Prozent die allgemeine Hochschulreife und 15, 2 Prozent die Fachhochschulreife. Tendenz steigend[1].

Doch was ist mit den Jugendlichen, die nicht unter die oben genannten Prozente fallen? Auch sie träumen von einer Karriere, einem Studium oder einem bestimmten Beruf. Aber manchen von ihnen steht ihre Herkunft im Weg, der fehlende Glaube an sich selbst sowie die fehlende Unterstützung aus der Familie und der Schule.

Kinder die aus einer Familie kommen, wo es von Seiten der Eltern ausreichend ist einen Hauptschul- oder Realschulabschluss zu haben um danach eine Ausbildung zu machen und in dem erlernten, soliden Beruf zu arbeiten, machen deutlich seltener ihr Abitur als Kinder die aus einem Akademikerhaushalt kommen. Oft liegt das den oben erwähnten vermittelten Traditionen und der großen Wertschätzung von „Arbeit“ als Ernährer der Familie – nicht als Sinnstifter. Auch fehlt es oft am nötigen Kleingeld für Vereine, Hobbies und Kulturelles. Auch Förderungsmaßnahmen wie Nachhilfe sprengen die Portemonnaies vieler Familien. Diese Förderung ist jedoch notwendig, wenn die Kinder in der Schule auf Probleme stoßen und den Unterrichtsstoff zu Hause nacharbeiten müssen. Besonders dann, wenn die Familie selbst nicht mehr in der Lage ist Kindern den Schulstoff selbst näher zu bringen muss auf externe Förderung zurückgegriffen werden. So werden Arbeiterkinder- und familien immer weiter stigmatisiert und per se dem bildungsfernen Milieu zugeschrieben – zu Unrecht.

Laut „Deutsches Studentenwerk“[2] hat der Ausbau der deutschen Hochschulen trotzdem nicht zu mehr Bildungschancen für Kinder aus Arbeiterfamilien geführt. Kinder aus Akademikerfamilien verfügen auch weiterhin über eine sechsmal höhere Chance zu studieren, als Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss. Laut einer Sozialerhebung[3], die vom Bildungsministerium und dem Deutschen Studentenwerk Berlin vorgestellt wurde, gehen von 100 Akademikerkindern 71 zum Studieren an eine Universität währenddessen es bei den Arbeiterkindern nur 24 von 100 sind. Das bedeutet, in Deutschland herrscht immer noch ein starker Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg.

Mögliche Gründe und Ursachen beschreiben Grudrun Quenzel und Klaus Hurrelmann in ihrem Buch „ Bildungsverlierer – neue Ungleichheiten“[4]. Auch heute noch gelten Kinder aus Arbeiterfamilien als traditionelle Risikogruppe der Bildungsverlierer. Denn das Bildungsniveau und der Sozialstatus der Eltern haben, vor allem in dem hoch stratifizierten Bildungssystem Deutschlands, einen enormen Einfluss auf den Bildungserwerb ihrer Kinder. Den Arbeiterkindern wird weniger zugetraut und sie werden häufig fremdstigmatisiert. Zum einen wegen den geringeren materiellen und finanziellen Möglichkeiten (zum Beispiel für Hausaufgabenhilfe, Nachhilfe etc.), dadurch kann eine geringere Fähigkeit das Kind in schulischen Dingen zu fördern bestehen. Zum anderen auch wegen der schulerfolgsrelevanten schichtspezifischen Bedingungen – zum Beispiel kulturelle Orientierung und dementsprechende Aktivitäten im Elternhaus. Dadurch wird Kindern aus Arbeiterfamilien deutlich weniger zugetraut, als Kindern aus Akademikerhaushalten, denen die oben genannten Ressourcen häufig eher mit auf dem Weg gegeben werden.

Das es auch anders geht und wie schwer es ist mit diesem „Stigma“ (aus einer Arbeiterfamilie zu kommen) aufzuwachsen und welche Probleme, Hürden, Barrieren und Folgen auftreten können, beschreibt der „Zeit“- Journalist Marco Maurer in dem Artikel „Ich Arbeiterkind“[5] sehr deutlich. Er selbst ist Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers und ist in einem kleinen Dorf in Bayern aufgewachsen. Bei Herrn Maurer traten die ersten Probleme auf, als es nach der Grundschule um die Einschätzung der weiteren Schullaufbahn ging. Sein damaliger Klassenlehrer riet der Mutter, das Kind auf der Hauptschule zu lassen. Diese vertraute der Einschätzung des Akademikers und folgte seinem Rat. Seitdem hat Herr Maurer es zu ordentlich etwas gebracht. Immerhin schreibt er für Deutschlands größte Wochenzeitung. Realschulabschluss – Ausbildung – Abendgymnasium – Hochschule – Journalistenschule. Ein langer und hart erkämpfter Weg. Ein Schwimmen gegen den Strom und ein Kampf gegen Vorurteile und Zweifel. Ein Umweg, der eigentlich nicht nötig gewesen wäre, hätte der Lehrer ihn nicht nach seiner Herkunft beurteilt und hätte seine Mutter mehr Selbstvertrauen gehabt um für eine höhere Bildung ihres Kindes einzustehen.

Viele Kinder aus Arbeiterfamilien schildern gleiche oder sehr ähnliche Probleme und Folgen aus ihrer Schulzeit, die von den Vorurteilen ihrer Lehrer und der Gesellschaft begünstigt wurden. Häufig bleiben die Kinder aber alleine mit ihren Problemen und den Bildungshürden. Aus diesen Gründen hat sich das Internetportal „ArbeiterKind.de[6]“ gegründet. Es richtet sich an alle junge Erwachsene, die als erste aus ihrer Familie studieren und hat sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil der Arbeiterkinder bzw. Nicht-Akademikerkinder an den Hochschulen zu erhöhen und diese auf dem Weg zu ihrem erfolgreichen Studienabschluss zu unterstützen Die Gründerin dieses Internetportals und selbst Arbeiterkind ist Frau Katja Urbatsch. Sie setzt sich dafür ein, dass der Bildungsaufstieg allen SchülerInnen ermöglicht werden sollte, auch denen aus Nicht-Akademikerhaushalten. Deutschlandweit gibt es inzwischen schon über 3000 MentorInnen bei arbeiterkind.de die Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien zu einem Hochschulabschluss ermutigen und sie bei der Umsetzung unterstützen. Außerdem haben sich inzwischen in fast jeder größeren Stadt lokale Gruppen zusammengeschlossen, die sich regelmäßig treffen, sich austauschen und gegenseitig unterstützen.


[1] Bildungsberichterstattung, 2012, S. 95

[2] Deutsches Studentenwerk, 2012, S. 11

[3] Sozialerhebung – die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland, S. 11

[4] Hurrelmann, 2010, S. 224

[5] Zeit.de, 2013

[6] arbeiterkind.de, 2013

Quellen:

Arbeiterkind.de

http://www.arbeiterkind.de/

Bildungsberichterstattung (2012) Bildung in Deutschland 2012. W. Bertelsmann GmbH. Bielefeld. S. 95

http://www.bildungsbericht.de/daten2012/bb_2012.pdf (Zugriff: 13.02.2013)

Deutsches Studentenwerk, S. 11

http://www.studentenwerke.de/main/default.asp?id=02401 (Zugriff: 12.2.2013)

Hurrelmann, K, Quenzel, G (2010). Bildungsverlierer – neue Ungleichheiten. Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden. S. 223 – 225

Sozialerhebung – die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland, S.11

http://www.sozialerhebung.de/download/19/Soz19_Kurzfassung.pdf

(Zugriff: 12.02.2013)

Zeit Online – Schule

http://www.zeit.de/2013/05/Arbeiterkind-Schulsystem-Aufstieg

(Zugriff: 15.02.2013)

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